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Nassau in Zeiten der Verfolgung, Zerstörung und des Wiederaufbaus

Erinnerung an das Reichsermächtigungsgesetz vor achtzig Jahren

24. März 1933

Ein entscheidender Schritt in die Nazi-Diktatur war das Ermächtigungsgesetz vom
23. März 1933
. Die Versammlung- und Pressefreiheit in Deutschland war bereits eingeschränkt, wichtige Grundrechte außer Kraft gesetzt, zahlreiche Mitglieder der SPD verfolgt und verhaftet. Doch trotz Angst um ihre persönliche Sicherheit, ihr Leben und ihre Familien stimmten alle SPD-Abgeordneten im Reichstag unter der Führung des Vorsitzenden Otto Wels und des jüngeren Kurt Schumacher geschlossen gegen das Gesetz. (Siehe Josef Felder: "Warum ich Nein sagte!"). Wie erlebten die Mitglieder der SPD in Nassau diese unheilvolle Zeit vor 80 Jahren im März 1933.

Nassauer Sozialdemokraten zeigen Mut

Seit ihrer Gründung im Jahre 1918 stellte die Nassauer SPD Wahlvorschläge auf. Erstmals 1919, dann 1924 und 1929 zogen Sozialdemokraten in den Stadtrat ein. Trotz Notverordnung und politischer Unterdrückung kandidierten auch für die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung am 12. März 1933 vierzehn Nassauer Bürger auf einem „Wahlvorschlag 2 - Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD)“. Gewählt werden Wilhelm Pütz, Leiter des „Kölner Heimes“, Heinrich Steeg, Lagerverwalter bei der Genossenschaft in Koblenz, und Wilhelm Linkenbach, Lackiermeister. Weitere Kandidaten waren Heinrich Keune, Jakob Dommermuth, Peter Mertens, Ludwig Busch, Karl Weimann, Paul Dreiucker, Wilhelm Schüler, Ludwig Sauerbrei, Karl Floreth, Christian Schmidt und Emil Spriestersbach.

Die bereits akute Verfolgung und politische Unterdrückung gipfelte im Juni 1933 in der Errichtung des Einparteienstaats und damit im Verbot der SPD. Die drei Ratsmitglieder müssen ihre Mandate niederlegen. Bei fast allen Mitgliedern werden Hausdurchsuchungen durchgeführt. Walter Haas und Paul Lotz, Gärtner im Kurhaus, werden wegen ihrer SPD-Zugehörigkeit verfolgt, Ludwig Busch wird verhaftet und kehrt als kranker Mann in seine Heimatstadt zurück. Auch überzeugte Christen, wie der Zentrumsabgeordnete Urfell, werden drangsaliert und ausgewiesen. Jüdische Familien werden ab Juli 1933 bedroht und schikaniert, was zunächst aus Rücksicht auf die Kurgäste als „Dummenjungenstreich“ heruntergespielt wird. Später müssen die jüdischen Mitbürger fliehen, viele werden ermordet. Die Nassauer Vereine werden gleichgeschaltet.

Die Leidenszeit der Menschen in Nassau durch die Nazi-Diktatur ist in bleibenden Dokumentationen beschrieben.

„Vergiss mich nicht und komm …“ über die Ermordung der Bewohner der Heime Scheuern, „Julius Israel Nassau“ von Waltraud Becker-Hammerstein und Dr. Werner Becker, „Schreckenstage in Nassau an der Lahn“, Veröffentlichung des Geschichtsvereins, herausgegeben von Dr. Meinhard Olbrich, und "75 Jahre SPD-Ortsverein Nassau 1918 - 1993", Jubiläumsschrift basierend auf den Unterlagen von Kurt Zimmermann.

Nassauer Sozialdemokraten packen beim Wiederaufbau an

Erste freie Gemeinderatswahlen fanden dann wieder vor nahezu 65 Jahren am 19. November 1948 statt. Mit Ludwig Wehnert, Willi Porath, Kurt Zimmermann, Jakob Dommermuth, Peter Mertens, Karl Singhof, Ernst Paul und Jakob Schenkelberg erhielt die SPD eine absolute Mehrheit im Stadtrat. Ludwig Wehnert wird einstimmig als Bürgermeister gewählt und Fritz Strauß rückt für die SPD nach. Wehnert war bereits 1946 als Bürgermeister bestellt worden. Er hatte das Amt in der schweren Zeit des Wiederaufbaus inne, bis Paul Schneider als hauptamtlicher Bürgermeister ab 1950 die Amtsführung übernahm. Zu Recht ist „Wehnerts Louis“, wie er genannt wurde, bis heute als der „Bürgermeister des Wiederaufbaus“ in Erinnerung.