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Quo vadis Innenstadt?

Wie geht es weiter im Zentrum Nassaus

8. März 2013

„Daß die großen Verbrauchermärkte sich nicht an unserem Stadtrand ansiedeln, sondern im Zentrum bleiben, ist auch künftig ein Programmpunkt der FWG“, versprach einst Dieter Schüfer, Sprecher der FWG im Rat der Stadt Nassau. Denn, so Schüfer in „Auf ein Wort“: „Auch künftig wollen wir alle unsere Einkäufe in der Innenstadt tätigen. Auf kurzen Wegen zu Fuß oder mit dem PKW zentral parken“. Die Voraussetzungen hierfür waren bislang recht gut.

Die Sanierung verändert das Gesicht der Stadt

Im Rahmen der Stadtsanierung sind von 1986 bis 2010 über zehn Millionen Euro in innerstädtische Maßnahmen geflossen. Zunächst mit zwei Dritteln, ab 2003 mit achtzig Prozent Landeszuschuss. Eine Informationsbroschüre zeigt anschaulich, wie sich das Gesicht der Stadt zum Besseren verändert hat. Die Broschüre ist beim Bauamt der Verbandsgemeinde zu erhalten.

Die Brauereisanierung – leider ist sie in den letzten Jahren ins Stocken geraten -, das Günter-Leifheit-Kulturhaus, die neue Kettenbrücke, die Neugestaltung der Lahnanlagen und der Freiherr-vom-Stein-Park haben wesentlich zur Attraktivitätssteigerung beigetragen.

Ebenso die unzähligen Stiftungen des Ehrenbürgers Günter Leifheit, von der Beleuchtung der Kettenbrücke, der Anstrahlung des Rathauses bis zu den Skulpturen im Stadtgebiet, welche einen beliebten Blickfang für die Besucher darstellen.

Das eigentliche Ziel der Stadtsanierung, die private Initiative zu fördern, wurde zunehmend erreicht. Die ansässigen Geschäfte konnten sich mehr und mehr entfalten.

Private Initiative blüht auf

Die Betriebe investierten in moderne Verkaufsräume und damit in die Zukunft. Beste Beispiele sind die Buchhandlung Jörg und die Bäckerei Elbert.

Andere, wie die Amtsapotheke und Blumen Proff, erweiterten ihre Angebotsfläche im Zuge der Sanierung erheblich.

Wo Geschäfte schließen mussten, kam Neues hinzu, wie der Leifheit-Werksverkauf im ehemaligen Kaufhaus Knoth. Die Räume des Werkverkaufs Auf der Au wurden als Koch- und Backstudio weitergeführt, das gruppenweise Interessenten anzog.

Geschäftsübernahmen fanden nahezu reibungslos statt, wie beispielsweise das Eiscafé Venezia anstelle von Café Noll, Elektro Pfaff anstelle von Elektro Kirfel oder der Baumarkt im Nassauer Land anstelle des Baumarktes Schmidt.

Ein differenziertes Angebot wie Haushaltswaren („Tisch & Topf“), Wolle ("Ilonas Wollladen"), Bioprodukte und Geschenke ("Sonneneck") und Textilien von Schlüter ergänzten das breite Spektrum der Innenstadt noch bis vor kurzer Zeit.

Teilweise fanden aufgegebene Traditionsbetriebe eine fantasievolle Umnutzung, wie der Landhandel Weimer durch den heutigen „Hexenturm“. Der „Nassauer Löwe“ wurden von Grund auf modernisiert.

Mit der Erweiterung vom Evangelischen Rentamt wurden zahlreiche neue Arbeitsplätze im Stadtkern geschaffen.

Leerstände auf Dauer jedenfalls waren die Ausnahme.

Stadtzentrum wird geschwächt

So wenig wie es die Schüfer‘sche FWG heute noch gibt, so wenig findet derzeit eine intakte Innenstadtentwicklung statt. Vier größere Märkte, R-Kauf, Eisfeller und Schlecker, stehen in der Innenstadt leer. Der wichtigste „Frequenzbringer“ befindet sich als Rewe-Supermarkt am Stadtrand. Aufgrund der Vergrößerung von 700 auf jetzt 2000 Quadratmeter am Stadtrand muss er ein Mehrfaches an Wertschöpfung erzielen. Zudem hat die Stiftung Scheuern einen wesentlichen Teil ihres Angebotes ebenfalls mit an den Stadtrand verlagert. Kaufkraft und Kundschaft werden aus der Innenstadt abgezogen.

Dies spüren die meisten der verbliebenen Geschäfte in der Innenstadt. Entsprechend sind nicht nur Märkte sondern auch zahlreiche Einzelhandelsgeschäfte geschlossen. "Die toten Augen der Innenstadt", wie ein Bürger unserer Stadt diese Leerstände bezeichnete.

Besonders alarmierend ist es, dass Geschäftsübernahmen offenbar nicht mehr stattfinden. Allenfalls treten Folgenutzungen durch Dienstleister wie Versicherungen und Fahrschulen ein. Dies ist allemal besser wie ein Leerstand, es ist aber kein voller Ersatz für den klassischen Einzelhandel.

Trendumkehr zugunsten der Innenstädte

Liegt die Zukunft trotz derzeitiger Flaute in unserer Innenstadt? Ist die Entwicklung umkehrbar?

Fest steht – es gibt ein klares Umdenken. Der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, sagte in einem Interview vom Juli 2011 auf die Frage: „Gibt es eine Rückbesinnung auf die tot gesagte Innenstadt?“

„Das ist in der Tat ein klarer Trend, insbesondere in den kleinen und mittelgroßen Städten. Investitionen auf der grünen Wiese finden praktisch gar nicht mehr statt. Vielfach werden große Einkaufszentren am Stadtrand sogar schon zurückgebaut oder abgerissen“.

Josef Sanktjohanser war bis 2012 Vorstand der Rewe-Gruppe. Meldungen der letzten Tage wie "In der Neuwieder Innenstadt wird sich wieder ein Rewe-Markt ansiedeln" vom 23. Februar 2013 oder "Ein Rewe XL-Markt soll in der Westerburger Innenstadt angesiedelt werden" vom 22. Februar 2013 bestätigen genau die Aussage Sanktjohansers in dem Interview.

Auch die „Generation Internet“, rückt die Unternehmensberatung Roland Berger ein falsches Urteil gerade, kauft gern im traditionellen Einzelhandel ein. So das Ergebnis einer Befragung von 42 000 Menschen und Auswertung von 2000 Einkaufstagebücher.

Rund 64 Prozent der Bundesbürger sind laut Studie zum Shoppen gerne in Boutiquen, Fachgeschäften und Filialen unterwegs. Wer durch die Läden streift, der legt Wert auf Beratung, das An- und Ausprobieren und das möglichst sofortige Mitnehmen und nicht auf den besten Preis. Daher, so Roland Berger, müsse der klassische Handel seine Stärken wieder hervorholen.

Sicher ist sich Roland Berger, dass Großflächen am Stadtrand ihre beste Zeit hinter sich haben. "Die Städte werden wieder lebendiger, da muss der Handel hin." Dabei komme es sehr auf das Angebot und die Präsentation an.

Es ist angesichts dieser Ergebnisse völlig hinter der Zeit zu sagen, das Kaufverhalten der Bevölkerung habe sich merklich verändert. Sicher – wenn wie in Nassau die Kaufkraft aus der Innenstadt abgezogen wird und das Angebot schwindet, dann ziehen auch die Kunden ab. Aber das war zu allen Zeiten so und liegt zuallerletzt an den Kunden. Zumal wenn es von der Politik so gefördert wird!

Was also ist zu tun?

Einige Ideen für die Zukunft der Einkaufsstadt Nassau

Die Kunden wollen, wie die Roland-Berger-Studie deutlich zeigt, Angebote und keine Appelle. Sie legen Wert auf Präsentation und nicht auf Belehrung.

Die Attraktivität der Innenstadt lebt von der Sauberkeit. Hierauf ist allerhöchste Priorität zu legen. Besonders das brachliegende und wechselweise mit Staub oder Wasserpfützen bedeckte Brauereigelände vermittelt nun schon seit Jahren einen ungepflegten Eindruck.

Die Stadt Nassau darf nicht beliebig Veranstaltungen ohne Absprache oder ohne Kompensation aus dem Stadtkern herausziehen. Auch hier sind Appelle wie „wenn die Läden offen und hell erleuchtet sind, werden die Leute kommen“ kontraproduktiv. Mehr Sensibilität gegenüber dem Einzelhandel ist angebracht.

Vorbeugendes Handeln ist wichtig, am besten durch einen Lotsen in der Verwaltung oder extern, der bei einer beabsichtigten Schließung eines Ladengeschäfts, aus welchen Gründen auch immer, als Ansprechpartner für die Folgenutzung zur Verfügung steht. Wenn langjährige Kunden schon vor verschlossener Ladentür stehen, dann helfen Appelle nichts mehr.

Schwerpunkt der Ansiedlungsbemühungen muss zunächst auf den leerstehenden Märkten liegen. Deren Leerstand fällt besonders negativ ins Auge, zum anderen haben sie ein höheres Anziehungspotential, wenn dort wieder Leben einkehrt.

Im Einzelhandelsgutachten wird vom Eigentümer eine Ansiedlung im ehemaligen R-Kauf in Aussicht gestellt. In Rede stand das Sortiment Bekleidung und/oder Drogeriewaren. Was und wie zügig wird dort etwas Neues entstehen?

Bei der Ansiedlung eines DM-Marktes auf dem Aldi-Gelände wird eingewendet, dass die Nutzung eines leerstehenden zentralen Marktes die bessere Lösung wäre. Doch Aldi liegt noch im Kernbereich der Innenstadt. Hierauf wurde bei der Umsiedlung in den Jahren 1999/2000 besonders Wert gelegt. Unter dem Strich erhalten wir mit dem DM-Markt ein zusätzliches Qualitätsangebot in Nassau.

Nach Auffassung der SPD war und ist es grundverkehrt, Fremdenverkehrsförderung gegen Einzelhandel auszuspielen. Im Gegenteil – je mehr Tourismus in unserer Stadt umso mehr Kaufkraft verteilt sich sowohl auf die Gastronomie wie auf den Einzelhandel. Untersuchungen zeigen, dass der Einzelhandel sogar am meisten davon ab bekommt. Doch das darf in unserer Stadt nicht entscheidend sein, denn wichtig ist, dass alle etwas davon haben.

Es muss auch immer wieder die Frage gestellt werden: Was ist mit dem versprochenen Stadthotel? Wieweit sind hier Bemühungen erfolgreich im Gange?

Wann geschieht etwas für seniorengerechtes Wohnen in der Innenstadt. Im April 2009 hat der Stadtrat beschlossen, eine Investorenausschreibung für das Brauereigrundstück auszuloben. Die Nutzung sollte „Seniorengerechtes Wohnen und/oder generationsübergreifendes Wohnen“ sein. Leider weiß die Bevölkerung bis heute nicht, wann und was auf dem Brachgrundstück entstehen soll.

Auch wenn es in erster Linie um den Lebenswert unserer älteren Generation in der Innenstadt geht, darum die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu erhalten, solange dies möglich ist, so ist auch richtig, dass Senioren die treuesten Kunden und damit eine Stütze des Einzelhandels sind. Eine baldige Verwirklichung von seniorengerechten Wohnformen nutzt damit der Innenstadt. Hier könnte die Stadt einen wichtigen und positiven Beitrag leisten.

Zu Recht wird darauf hingewiesen, wie wichtig das Schulzentrum für eine lebendige Innenstadt ist. Eindeutig steht dabei die Bildung der Jugend und der Lebenswert der Familien im Vordergrund. Dennoch muss an dem Schulstandort, dafür hat sich die SPD immer eingesetzt, auch unter dem Gesichtspunkt einer lebendigen und zukunftsfähigen Innenstadt festgehalten werden.

Haben Sie weitere gute Ideen ...

Sicher ist die Liste an Ideen, die wir aufgezählt haben, um die Innenstadt wieder zu beleben, nicht vollständig. Wenn Sie weitere Ideen für eine lebendige Innenstadt haben und uns diese mitteilen, würden wir das ganz toll finden und uns gerne für eine Verwirklichung Ihrer Ideen einsetzen.